Warum meine Schüler plötzlich Noten lesen können – und was das mit mir macht
Es gibt diese Momente im Unterricht, die mich länger begleiten als andere.
Eine Schülerin kommt – wie so oft.
Die letzten Wochen waren mühsam gewesen. Noten lesen fiel ihr schwer. Wir haben uns durchgearbeitet, Schritt für Schritt, manchmal zäh, manchmal
frustrierend.
Ich hatte das Gefühl: Es kommt einfach nicht richtig an.
Und dann setzt sie sich hin… und spielt.
Liest. Sicher. Klar. Fast selbstverständlich.
Ich war ehrlich überrascht. Seit wann geht das denn so gut?
Also frage ich nach.
„Wir haben in der Schule eine Musikprobe geschrieben… ich hatte eine Eins.“
Und da ist er wieder, dieser Moment, der mich innerlich stolpern lässt.
Ein Teil von mir denkt sofort: Wie bitte? Was haben wir die ganze Zeit gemacht? Habe ich etwas falsch gemacht?
Ich habe sie angeschaut und gesagt:
„Dann hättest du dir die letzten Wochen doch viel leichter machen können…
Denn wenn du das hier im Unterricht gleich so mitgelernt hättest, hättest du für die Probe gar nicht mehr extra lernen müssen.“
Während ich das sagte, habe ich gemerkt:
Ich versuche gerade selbst zu verstehen, was da eigentlich passiert ist.
Dann habe ich – halb im Scherz – gesagt:
„Vielleicht sollte ich euch auch mal Noten für die Noten geben…“
Und sie antwortet ganz ruhig:
„Ja… aber du gibst uns ja schon schöne Noten zum Spielen.“
Und plötzlich wird etwas ruhig in mir.
Weil in diesem Satz so viel Wahrheit liegt.
Für mich sind Noten:
- eine Sprache,
- ein System,
- eine Grundlage.
Für sie sind Noten:
- Musik
- Klang
- etwas Schönes.
Ich merke:
Ich denke oft in „verstehen“, „können“, „richtig lesen“.
Sie denkt in: Mag ich das spielen? Klingt das schön?
Und vielleicht erklärt genau das, warum sich Notenlesen bei ihr so lange schwer angefühlt hat.
Im Unterricht ist es für sie kein echtes Ziel.
Es ist ein Mittel.
Sie will spielen - Sie will Musik machen - Sie will etwas Schönes erleben.
Und dann kommt die Schule.
Plötzlich:
-
wird es abgefragt
-
wird es bewertet
-
bekommt es Gewicht
Und etwas im Kopf schaltet um: 👉 Das muss ich können.
Der Fokus verändert sich.
Die Energie auch.
Und auf einmal kann sie es.
Was mich daran so beschäftigt:
Dieses Können ist ja nicht einfach aus dem Nichts entstanden. Es war schon da.
All die Wochen davor:
-
das Suchen von Tönen
-
das Wiedererkennen von Mustern
-
die kleinen, unscheinbaren Fortschritte
Vielleicht habe ich sie nur nicht als das gesehen, was sie waren: Vorbereitung.
Etwas, das im Hintergrund gewachsen ist.
Und ich merke, wie sehr ich manchmal an mir zweifle.
Weil ich denke, Lernen müsste sichtbar sein.
Linear. Schritt für Schritt.
Aber bei vielen meiner Schüler ist es das nicht.
Es sammelt sich etwas – und dann ist es plötzlich da.
Und dann ist da noch diese unbequeme Erkenntnis:
Nicht alles, was mir wichtig ist, ist automatisch auch meinen Schülern wichtig.
Ich wünsche mir, dass sie Noten lesen können, klar, welcher Lehrer tut das nicht?
Dass sie verstehen, was sie tun.
Aber ihre Motivation ist oft eine andere:
-
spielen
-
Spaß haben
-
etwas Schönes können
Die Schule bringt etwas hinein, was ich nur begrenzt habe:
Druck. Klarheit. Konsequenz.
Und so sehr ich das eigentlich nicht in meinem Unterricht haben will – es wirkt dort.
Und trotzdem:
Als sie das gesagt hat –
„Du gibst uns ja schon schöne Noten…“ – habe ich etwas verstanden.
Vielleicht ist das kein Mangel.
Vielleicht ist das der Kern meines Unterrichts.
Vielleicht hat sie nicht trotz meines Unterrichts plötzlich Noten lesen können.
Sondern auch wegen ihm.
Nur anders, als ich es mir vorgestellt habe.
Nicht sauber sichtbar aufgebaut.
Nicht jederzeit abrufbar.
Sondern gewachsen.
Im Hintergrund.
Und dann – durch die Probe – plötzlich aktiviert.
Ich frage mich seitdem weniger: Was mache ich falsch?
Und eher: Was passiert hier eigentlich, das ich nicht sofort sehe?
Vielleicht ist meine Aufgabe gar nicht, alles kontrollierbar und sofort sichtbar zu machen.
Sondern:
Raum zu geben - Dran zu bleiben - Vertrauen zu haben.
Brücken zu bauen zwischen: Musik fühlen und Musik verstehen
Zwischen dem, was ihnen wichtig ist und dem, was ich ihnen mitgeben möchte.
Und vielleicht darf ich mir selbst ein bisschen mehr glauben:
Dass mein Unterricht wirkt - auch dann, wenn es sich zwischendurch nicht so anfühlt.
Dass etwas wächst - auch wenn ich es nicht sofort sehe.
Und dass Lernen manchmal einfach seinen eigenen Zeitpunkt hat.

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